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Interview mit Prof. Moser

Prof. Dr. Maximilian Moser Joanneum Research

von Wolfgang Bossinger

Wolfgang Bossinger: Prof. Moser - Sie sind einer der bekannten Chronomediziner - können sie zunächst genauer erklären, was unter Chronomedizin bzw. Chronobiologie zu verstehen ist und was diese Fachrichtung für eine Bedeutung für Gesundheit bzw. Krankheit und Behandlung hat?
Prof. Maximilian Moser: Neueste Forschungen zeigen, dass Leben auch Musik ist. In seinen Körperabläufen folgt z.B. der menschliche Organismus kosmischen Rhythmen wie dem Tag-Nacht-Rhythmus oder dem Jahresrhythmus. Zu diesen von außen gesteuerten Rhythmen, die schon mit wenigen Lebenswochen ins Körperinnere übernommen werden, kommen innere Rhythmen wie Herzschlag, Atmung oder der sogenannte basale Aktivitätszyklus. Diese Rhythmen sind untereinander vernetzt und verwoben wie die Instrumente eines Symphonieorchesters. Diese Zusammenhänge untersucht die Chronobiologie, die Chronomedizin nutzt die Erkenntnisse medizinisch: In einem Orchester ist es wichtig, dass die Triangel zur rechten Zeit einsetzt, ein Fehleinsatz wäre äußerst peinlich! Auch die Wirkung von Medikamenten zeigt große Unterschiede, je nachdem, ob diese am Abend oder am Morgen gegeben wurden - die Anwendung zur rechten Zeit lohnt nicht nur, sie kann bei Krebsmedikamenten sogar lebenswichtig sein.
Wolfgang Bossinger: Sie beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit den Zusammenhängen zwischen Rhythmus und Gesundheit - wie stehen diese beiden Themen miteinander in Beziehung?
Prof. Maximilian Moser: Ein gesunder Organismus ist chronobiologisch in Harmonie - seine Rhythmen sind synchronisiert und aufeinander abgestimmt. Gestörte Rhythmen treten bei Nacht- und Schichtarbeit, bei hohem Stress und bei Jetlag auf. Neue Studien haben gezeigt, dass diese Störungen zu schweren Erkrankungen: Stoffwechselstörungen, Herzinfarkt und erhöhter Krebsrate führen können. Die Wiederherstellung einer intakten Rhythmik wird in der Medizin, insbesondere der präventiven Medizin der Zukunft eine große Rolle spielen. Im Humanomed Zentrum in Österreich entwickeln wir gerade eine Rhythmustherapie, die dieses Thema zum Inhalt hat.
Wolfgang Bossinger: Wie ist es möglich von außen also mit künstlerischen, musikalischen oder anderen therapeutischen Mitteln gesundheitsfördernd Einfluss auf diese Körperrhythmen zu nehmen?
Prof. Maximilian Moser: Körperrhythmen sind Schwingungsvorgänge, die wie physikalische Schwingungen angeregt werden können und Resonanzeigenschaften haben. Musik und gestaltete Sprache enthalten Zeitmuster, die aus der menschlichen Physiologie kommen - sie wurden ja von Menschen geschaffen. Deshalb sind sie, wie unsere Untersuchungen gemeinsam mit Forschergruppen aus Deutschland und der Schweiz zeigen, besonders geeignet, Resonanzphänomene im Organismus auszulösen und blockierte Rhythmen wieder in Gang zu bringen. Die Wirkung geht über den spezifisch angeregten Rhythmus hinaus und wirkt auf das ganze rhythmische System und damit auch den wichtigsten Erholungsrhythmus überhaupt - nämlich den Schlafrhythmus. Guter Schlaf ist für die tägliche Wiederherstellung von Gesundheit und Wohlbefinden von größter Bedeutung.
Wolfgang Bossinger: Gibt es generell Erkenntnisse aus ihren chronobiologischen Forschungen darüber, was jeder einzelne aktiv für die Erhaltung der eigenen Gesundheit tun kann?
Prof. Maximilian Moser: Ein bewusster Umgang mit Körperrhythmen ist schon von Geburt an empfehlenswert. So haben Studien gezeigt, dass eine tagesrhythmische Beleuchtung gegenüber einer einförmigen Beleuchtung oder Dämmerlicht besseres Wachtum und weniger Schlafstörungen bei Säuglingen bewirkt. Auch sehr alte Menschen wissen um die Bedeutung der Rhythmen für die Gesundheit: Hundertjährige gehen ihrer Umwelt oft auf die Nerven, weil sie genau zu einer bestimmten Zeit Mittagessen wollen - allein, sie wären ohne diese Einhaltung eines Tagesrhythmus wahrscheinlich gar nie so alt geworden. Rhythmen sollten also gepflegt werden, durch einigermaßen regelmäßiges Essen, Schlafen und Bewegen. Auch die uralten Jahresfeste helfen unserem Organismus, sich in den Jahreszeiten zurechtzufinden. Die Polaritäten, denen wir durch Tag und Nacht, Wärme und Kälte, Trockenheit und Feuchte ausgesetzt ist, helfen unserem Organismus, seine Regelsysteme zu eichen und Flexibilität gegenüber Umwelteinflüssen zu behalten. Gesundheit baut auf Dynamik und Dynamik heißt auch intakte biologische Rhythmik.
Wolfgang Bossinger: Lassen sich aus ihren Forschungen gesellschaftliche und gesundheitspolitische Konsequenzen ableiten, wie z.B. für die Gestaltung von Arbeitsstrukturen und Abläufen oder für gesellschaftliche Einrichtungen?
Prof. Maximilian Moser: Die wichtigste Konsequenz für die Arbeitswelt ist wohl die, dass die Maschinen in ihrem Rhythmus dem Menschen angepasst werden sollten, und nicht umgekehrt. Konkret heißt dies, dass Nacht- und Schichtarbeit nur im Notfall praktiziert werden sollten und mit ganz anderen als den bisher üblichen Schichtmodellen. Für die Medizin ergeben sich aus den Erkenntnissen der Chronobiologie diagnostische und therapeutische Konsequenzen, die in vielen Bereichen Eingang finden werden - ich denke an Diagnosemethoden wie die Herzfrequenzvariabilität, die unser Institut intensiv beforscht, aber auch an den präventiven Einsatz von Rhythmustherapien. Auch in der Onkologie gibt es bereits Ergebnisse, die den Einsatz von Chemotherapeutika zu bestimmte Tageszeiten eindeutig empfehlen.
Wolfgang Bossinger: Wie sind sie persönlich zu der Beschäftigung mit dem Thema Rhythmus und Gesundheit gekommen?
Prof. Maximilian Moser: Ursprünglich war ich in der Kreislaufforschung tätig, wo man natürlich zwangsläufig mit dem Rhythmus des Herzens konfrontiert wird und sich fragt, warum der Organismus ein Organ baut, das ab der dritten embryonalen Woche zu schlagen beginnt, fast sein gesamtes Wachstum im schlagenden Zustand absolviert und sich bis zum Lebensende keine Ruhepause gönnt. Dabei stellt man bald fest, welche Vorteile ein schwingendes, dynamisches System gegenüber einem statischen hat. Von dort zur (Wieder)entdeckung, dass alle Lebensvorgänge von intensiven Schwingungen begleitetet sind, ist es nicht mehr weit. Die Begegnung mit einem der Gründungsväter der Chronobiologie in Deutschland, Gunter Hildebrandt, brachte mich dann endgültig zum Thema.