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spirituelle Dimensionen

Aus dem Buch: Die heilende Kraft des Singens
Singen - ganz besonders in Gruppen - kann uns ermöglichen sogenannte "Peak-Experiences" (Gipfel-Erfahrungen) zu erleben. Diese Erfahrungen wurden von dem bedeutenden Psychologen Abraham Maslow erforscht und folgendermaßen beschrieben: „Ich fand, dass diese Personen vielfach berichteten, dass sie etwas wie mystische Erfahrungen hatten, Augenblicke großer Ehrfurcht, Momente höchsten Glücks oder gar der Verzückung, Ekstase oder Seligkeit (denn das Wort Glück kann zu schwach sein, um diese Erfahrung zu beschreiben). Dies waren Augenblicke reinen, positiven Glücks, wo alle Zweifel und Ängste, alle Hemmnisse, Spannungen und Schwächen zurückgelassen wurden. Dabei verlor sich das Selbst-Bewusstsein. Alle Getrenntheit und Entfernung von der Welt verschwand, während sie sich eins mit der Welt fühlten, mit ihr verschmolzen, wirklich in dieser Welt und zu ihr gehörend, statt draußen zu sein und von dort hereinzuschauen.“ 4
Maslow fand, dass solche Erfahrungen bei besonders gesunden Menschen vermehrt auftraten und eine gesundheitsfördernde Wirkung auf die meisten Menschen haben. Insbesondere Musikerfahrungen bieten eine gute Möglichkeit zu solchen Gipfelerlebnissen.
Der Musikwissenschaftler Prof. Alf Gabrielson von der Universität Upsala beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit solchen, durch Musik ausgelösten "Strong Experiences with Music" (SEM). Gabrielson fand ebenfalls, dass "Starke Erfahrungen mit Musik" ein heilungsförderndes Potential haben und er beschreibt unter den Kategorien "Transzendenz" und "Religiöse Erfahrung" viele Musik-Erfahrungen von Menschen die den Peak Experiences von Maslow entsprechen (Gabrielson interviewte mehr als 900 Personen).
Therapeutische Wirkungen von Strong Experiences with Music (SEM)
Gabrielson und Lindström gingen der therapeutischen Wirkung von SEM näher nach und konnten aufgrund ihrer Forschungen folgende Wirkfaktoren Starker Musik-Erfahrungen extrahieren:Musik kann physische Schmerzen lindernMusik kann helfen, tiefe Trauer zu lindern und Trost und neue Hoffnung spendenMusik kann helfen Depressionen (sogar langbestehende) zu überwindenMusik kann dabei helfen, Barrieren und Widerstände, oft unbewusst, zu überwinden und wieder in Kontakt mit verborgenen Gedanken und Gefühlen zu kommen, sowie ein Gefühl von Offenheit und Freiheit hervorrufen.Musik ermöglicht neue Einsichten, welche die eigene Lebensweise, die Beziehung zu anderen und zur Realität allgemein betreffen.Musik kann das Gefühl vermitteln, von anderen Menschen anerkannt und bestätigt zu werden und hierdurch das Selbstvertrauen steigern.Musik kann genutzt werden, um ganz bewusst die eigene Gemütsverfassung zu bestätigen, verstärken oder zu verändern.Musik kann ein starkes Gefühl für die eigene Identität, die Bedingungen des menschlichen Lebens und der Existenz erzeugen.22Transzendente Erfahrungen durch Singen

Singen und ganz besonders das gemeinsame Singen in Gruppen kann zu veränderten Bewusstseinszuständen führen, die ein großes Potential an therapeutischen und gesundheitsfördernden Wirkungen mit sich bringen. Wir können diese Erfahrungen als „Gipfelerlebnisse“, als „Strong Experiences with Music“, oder als Erfahrungen „ozeanischer Selbstentgrenzung“ bezeichnen. Diese Begriffe spiegeln jeweils unterschiedliche Fokussierungen wieder. Im folgenden verwende ich die beiden, von mir geprägten Begriffe „Strong Experiences with Singing“ (SES) oder in deutsch: „Starke Erfahrungen mit Singen“ und „Transcendent Experiences with Singing“ (TES), deutsch „Transzendente Erfahrungen mit Singen“ in Anlehnung an die Forschungen von Gabrielson über „SEM“. Starke Erfahrungen mit Singen (SES) bezeichnen also die Gesamtheit aller durch Singen ausgelösten starken Erfahrungen (vgl. bei Gabrielson durch Musik ausgelöste Erfahrungen). Die transzendenten Singerfahrungen beziehen sich auf Erfahrungen des Transzendenten, Religiösen und Spirituellen. Solche Singerfahrungen können sowohl spontan, als auch absichtlich intendiert auftreten, in so unterschiedlichen Kontexten wie therapeutischen Gruppen, Chören, Rockfestivals, religiösen Zeremonien oder im Fußballstadion. Viele Menschen, die regelmäßig in Gruppen singen profitieren von solchen SES-Erfahrungen und vor allem dann, wenn sich die Tür zum Himmel einen Spalt weit öffnet, also durch TES-Erfahrungen (transzendente Erfahrungen mit Singen).
Bei religiösen Gesangspraktiken und bei bestimmten Gesangsformen wie dem „Chanting“ treten solche Erfahrungen regelmäßiger auf und können durch die „Gruppenresonanz“ große Heilungskräfte entfalten. Von Schamanen, Heilern, spirituellen Leitern und einigen Musik- und Gesangstherapeuten/Leitern werden solche Prozesse auch bewusst angestrebt, um das heilende und transformierende Potential dieser Erfahrungen für die Teilnehmer verfügbar zu machen.
Nachfolgend möchte ich jetzt näher auf Transzendente Erfahrungen mit Singen (TES) eingehen und Statements und Rückmeldungen von Gruppenteilnehmern aus Interviews wiedergeben. Diese Rückmeldungen weisen auf das große Potential des Singens in Gruppen hin. Jedoch sollten weitere systematische Forschungen auf diesem Gebiet durchgeführt werden, um mehr Erkenntnis zu gewinnen, wie die therapeutische und transzendierende Wirkung des Singens für mehr Menschen nutzbar gemacht werden kann.
Wichtig in unserem Zusammenhang ist, dass Musik und ganz besonders Singen in Gruppen als Auslöser von veränderten Bewusstseinszuständen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu eher positiv getönten VWB führt.
Die bereits erwähnten Untersuchungen von Gabrielson über das Auftreten intensiver, bewusstseinserweiternder Erfahrungen im Zusammenhang mit Musik, zeigten überwiegend positive Erlebnisse, generell bei Musikerfahrungen unterschiedlicher Art. Aufgrund der Förderung positiver Stimmung durch aktives Singen und entsprechenden endokrinologischen und neurobiologischen Wirkungen des Singens gilt dies beim Singen in besonderem Maße. Rufen wir uns nochmals das Ergebnis der Züricher Bewusstseinsforscher um Scharfetter in Erinnerung:
Menschen, die eine Werthaltung haben, die im weitesten Sinn einer Religiosität unabhängig von Kirchen entspricht, haben eher eine «ozeanische Selbstentgrenzung». Und Menschen, die eher Ästhetik im weitesten Sinne, sei es Musik, sei es Kunst – bei denen diese Wertehaltung eine große Rolle spielen, haben auch eher kosmische-mystische Erlebnisse.“ 24
Es scheint so, dass sich für musikliebende Menschen leichter die Pforte in den Himmel auftut oder wissenschaftlich gesprochen, dass bei Menschen, die gerne singen, die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass eine Bewusstseinsveränderung in Richtung „ozeanische Selbstentgrenzung“ auftritt.
Die entstehende Verbundenheit, das Gemeinschaftsgefühl, und die gehobene Stimmung erleichtern vielen Menschen das Zulassen und Hineingleiten in erweiterte Dimensionen des Bewusstsein. Die Gruppe erschafft sich gewissermaßen gemeinsam ein positives Energiefeld und es kommt zum Eintauchen in gemeinsame Gipfelerlebnisse. Auch die Hormone liefern hierzu ihren Beitrag. Die Endorphine versetzen uns in eine glückliche Stimmung und das „Liebes- und Kuschelhormon“ Oxytocin verstärkt das Gefühl der gemeinsamen Verbundenheit.
Es ist schwer, mit Worten zu beschreiben, wie tief die Erfahrung gemeinsamen Singens gehen kann, wenn es nicht mehr um Leistung, Perfektion und andere äußerliche Werte geht, sondern wenn das Singen als Selbstzweck, als Seinserfahrung in den Mittelpunkt gestellt wird.
Wir atmen in der Gruppe in einem gemeinsamen Rhythmus, wir schwingen uns so-wohl mit unseren Körpern und Physiologien als auch unserer Seele aufeinander ein und verschmelzen im Klang.
„Transzendente Erfahrungen durch Singen“ können uns gleichsam über die Enge und Kleinheit unserer alltäglichen Welt hinaus heben und öffnen für wenige Augenblicke oder manchmal sogar längere Zeiträume ein „Tor ins Paradies“. Diese Erfahrungen von „Da-Sein“, „Ankommen“, „Liebe“, „Seligkeit“ lassen uns unsere innere tiefere Natur erfahren, das „transpersonale Selbst“. Solche Erlebnisse können uns helfen, uns ein Stück weit von unserem „persönlichen Drama“ zu dis-identifizieren und unser persönliches Schicksal von einem relativierteren Blickwinkel her zu betrachten. Nachfolgend möchte ich Teilnehmer meiner Singgruppen und Chöre zu Wort kommen lassen, die mir in mehr als 80 Interviews Ihr Erleben anschaulich schilderten:
Sabrina (40 Jahre), eine Seminarteilnehmerin drückt diese Erfahrung so aus:
„Die Trennung zwischen der Gruppe und mir war aufgehoben...Während des Chantens hatte ich das Gefühl, dass wir mit unserem Gesang ein energetisches Muster, ein Netz „weben“ und dieses Netz verband sich mit dem großen Netz der Erde, des Lebens. Ich fühlte tiefe Verbundenheit, Geborgenheit in Gottes Hand und war tief berührt von dieser schöpferischen Kraft.“
Regina (38 Jahre) berichtet von einer ähnlichen Erfahrung:
„Ich fühlte mich so vernetzt. Es war das Gefühl eins mit Allem zu sein. Mit mir, der Gruppe, dem Göttlichen und den Elementen.“
Thomas (35 Jahre) beschreibt seine Erfahrung in poetischen Worten:
„Das Chanten ist für mich in erster Linie eine Verbundenheitserfahrung zu mir selbst, und zu meinen Mitmenschen. Eine Erfahrung des Getragenseins DURCH die anderen (Gruppe). DADURCH wird IN MIR eine TIEFER gelegene Kraft frei gesetzt, die verschiedene EMPFINDUNGSfacetten hervorbringen will, wie zum Beispiel Wehmut, und Sehnsucht, nach Gott; Sehnsucht nach Einklang mit MIR, und mit allem was lebt und beseelt ist, also auch nach dem Baum, dem Stein, der Erde und dem Himmel, ....auch nach dem KLANG, zum Beispiel deiner schwingenden Stimme. Und Sehnsucht AUCH, nach der Ewigkeit des Lebens und Sterbens ... Diese Kraft wird durch den Klang meiner Stimme FREIGESETZT, sie schwingt in die GRUPPE hinein, wird dort aufgefangen und mitgetragen. Vor solch einer Empfindung will ich mich jetzt und hier verneigen .................................... und einfach DANKE sagen!“
In diesen Ausführungen klingt die von Maslow beschriebene Qualität einer vorübergehenden Aufhebung der Getrenntheit von der Welt an, ein Verbunden-Sein mit sich und der Welt. Weiterhin hören wir von einer „tiefergelegenen Kraft, die freigesetzt wird..“ Hier klingt der Kontakt mit einem „innersten Wesenskern“, dem „Göttlichen“, dem „transpersonalen Selbst“ an. Die Sehnsucht und Wehmut nach Einklang in der Rückmeldung von Thomas erinnert mich an die Sehnsucht nach dem „Einswerden mit dem Göttlichen“, die von vielen Mystikern beschrieben wurde.

Thomas erlebte eine besonders intensive Erfahrung als wir gemeinsam 25 Minuten lang einen, von mir komponierten „Mantra-Circle“ für die buddhistische Göttin „Tara“ sangen (siehe Anhang, „Tara Goddess Circle). Er war nach dem Singen dieses Mantras so tief berührt, dass er mich bat, kurz aus dem Raum gehen zu können, um für sich zu sein. Thomas war freundlicherweise bereit, mir seine Schilderung für dieses Buch zur Verfügung zu stellen:
„Die OM TARE TU TARE Erfahrung war eine Erfahrung der TIEFEN Sehnsucht nach dem Paradies, VOLLER WEHMUT brach der Klang aus mir heraus, erst war es ein Bächlein, dann ein Fluss, und dann ein Strom, ...der Strom Gottes und der Heiligkeit ergoss sich in mir und aus mir heraus. Leider hörte das Lied sogleich dann auf. SCHADE! SOOO GERNE wäre ich in dieser Sphäre, in DIESEM Mantra, einfach nur verweilt, OHNE eine Absicht oder dabei ein ZIEL zu haben! ABER!? GOTT hatte mich BERÜHRT. Und es war WIE: Kurz ZU HAUSE gewesen zu sein. Kurz vor der Aufhebungserfahrung des YIN/YANG Prinzips, der Illusion der GEGENSÄTZ-LICHKEIT. Als ich dann zur Tür draußen war, flossen mir die Tränen aus den Augen...TIEF beeindruckt saß ich da, auf dieser Treppe... Für diese ganzen Empfindungen gibt es nur ein einziges Wort ... und das heißt L I E B E. Denn VON IHR KOMMT ALLES, und ZU IHR fließt auch alles wieder zurück! NUR WEGEN IHR SIND WIR HIER! ...Will Dir noch was über die Nachwirkungen sagen: ES SCHWINGT NOCH! Und diese Schwingung hat auch eine Sehnsucht; nämlich die, sich auszudehnen und sich einfach schwingen zu lassen... irgendwohin ..., vielleicht DAHIN, wo es NICHTS mehr GIBT, UND DOCH ALLES GIBT!...“

Die Schilderung von Thomas möchte ich einfach für sich selbst sprechen lassen. Betrachten wir noch weitere Rückmeldungen.
Ulrike (42 Jahre) erlebt intensive Gefühle des Verschmelzens und der Ich-Losigkeit. Ihr tiefes Glücksgefühl strahlt auch für Außenstehende erlebbar aus:
„Die unterschiedlichen Lieder haben verschiedene Erfahrungen ausgelöst. Bei manchen Liedern war eher Begeisterung und Ekstase spürbar, bei manchen Liedern war eher ein zartes Berührt-Sein und Weichheit und Öffnung im Herzbereich – verbunden damit, mit einer allumfassenden, transpersonalen Liebe in Kontakt zu sein und sich ihr immer wieder für kurze Momente zu öffnen.
Zeitweise hatte ich das Gefühl, Kanal zu sein. Nicht ich singe, sondern es tönt aus mir und ich weiß gar nicht, wo der Ton herkommt. Es passiert einfach. Es gab Momente, in denen ich ganz im Augenblick präsent war. Glücksmomente, mit mir und der Welt im Einklang sein. Als ich nach dem Wochenende in der U-Bahn nach Hause gefahren bin hat jemand, den ich nicht gekannt habe zu mir gesagt, ich würde so glücklich aussehen. Das passiert sonst eher nicht, d.h. ich muss schon was anderes ausgestrahlt haben als sonst.“